LAVES klar

Rohmilch – ein unterschätztes Risiko?

Obwohl durch die heutigen sehr schonenden Erhitzungsmöglichkeiten der Nährwert von pasteurisierter oder hocherhitzter Milch vergleichbar ist mit dem von roher Milch, bevorzugen Teile der Bevölkerung den Verzehr von Rohmilch. Sie schreiben Rohmilch einen besonderen vollmundigen und aromatischen Geschmack zu.

Doch der Konsum von Rohmilch ist nicht ganz ungefährlich. Dies zeigen auch aktuelle Zahlen aus dem Bundeseinheitlichen System zur Erfassung von Daten zu Lebensmitteln, die bei Krankheitsausbrüchen beteiligt sind (BELA). So lag nicht abgekochte Rohmilch 2016 mit 29 % an der Spitze der für Krankheitsausbrüche verantwortlichen Lebensmittel.

Bei Rohmilch handelt es sich um Milch, die keinem Erhitzungsverfahren und keiner gesonderten strengen mikrobiologischen Kontrolle - wie Vorzugsmilch - unterzogen wird. Milch stellt mit seinem hohen Anteil an Calcium und Proteinen nicht nur für den Menschen ein hochwertiges Nahrungsmittel dar, sondern ist auch für Bakterien ein exzellentes Nährmedium. Im 19. Jahrhundert wurde die Technik der Pasteurisierung (schonende Wärmebehandlung) von Milch eingeführt, um den Menschen vor der Tuberkulose zu schützen, die mit der Milch übertragen werden kann.

Aber nicht nur hinsichtlich potentieller Tuberkulose-Erreger sondern auch bezüglich anderer mikrobiologischer Kontaminationen lautet auch heute noch eine der "Zehn Goldenen Regeln" der WHO (World Health Organisation) zur Vermeidung lebensmittelbedingter Infektionskrankheiten "always buy pasteurized as opposed to raw milk". Also: Kaufe stets pasteurisierte Milch anstelle von Rohmilch.



Abgabe von Rohmilch und Vorzugsmilch

Rohmilch darf nur unter bestimmten Voraussetzungen an Verbraucher abgegeben werden. Zum einen gibt es die "ab Hof"-Abgabe (u. a. mittels Rohmilchautomaten), bei der vom Erzeuger auf ein Abkochen durch den Konsumenten vor dem Verzehr deutlich hingewiesen werden muss. Durch die Erhitzung werden krankmachende Bakterien (Pathogene) wie VTEC (Verotoxinbildende Escherichia coli - dazu gehört u .a. auch EHEC), Campylobacter, Salmonellen und Listerien abgetötet.
Zum anderen gibt es die Abgabe als "Vorzugsmilch", die für den rohen Verzehr gedacht ist.


Untersuchung von Vorzugsmilch

Vorzugsmilch unterliegt strengen mikrobiologischen Kontrollen. Derartige Untersuchungen werden u. a. im Lebensmittel- und Veterinärinstitut Braunschweig/Hannover (LVI BS/H) des LAVES durchgeführt. Laut dem „Bundesverband der Milchdirektvermarkter und Vorzugsmilcherzeuger e.V.“ existieren in Niedersachsen derzeit noch vier Vorzugsmilch-Erzeuger.

In den Jahren 2016-2017 wurden insgesamt drei Vorzugsmilchproben eingesandt. Alle drei Proben konnten die Schwellenwerte der in der Verordnung über Anforderungen an die Hygiene beim Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von bestimmten Lebensmitteln tierischen Ursprungs (Tier-LMHV) angegebenen Höchstwerte für Gesamtkeimzahl, koagulasepositive Staphylokokken und Enterobacteriaceae einhalten. Diese Parameter stellen sogenannte Hygieneindikatoren dar, die etwas über die Hygiene bei der Gewinnung und der Verarbeitung der Milch aussagen. Außerdem wurden keine krankmachenden Erreger nachgewiesen.

Untersuchung von Rohmilch

Auch „Milch ab Hof“, die in Rohmilchautomaten (sogenannten Milchtankstellen) abgegeben wird, wird im Lebensmittel- und Veterinärinstitut Braunschweig/Hannover des LAVES regelmäßig mikrobiologisch untersucht.

Die Proben werden auf die folgenden mikrobiologischen Parameter untersucht: Gesamtkeimzahl, Escherichia, koagulasepositive Staphylokokken, Salmonellen, Campylobacter, VTEC und Listerien.


Mikrobiologischer Parameter

Auffällige Proben aus Rohmilchautomat in %

Gesamtkeimzahl

19

Escherichia coli

9

koagulasepositive Staphylokokken

5

Salmonellen

0

Campylobacter

2

VTEC

2

Listeria monocytogenes

5


Tabelle: Daten von 100 Proben aus dem Untersuchungszeitraum von Januar 2016 bis August 2017.

Im Untersuchungszeitraum von Januar 2016 bis August 2017 zeigten insgesamt 19 % der Proben eine auffällige Gesamtkeimzahl, was u. a. auf Hygienemängel hindeuten kann. Fast jede zehnte Milch aus Rohmilchautomaten enthielt krankmachende Keime (Pathogene). Auch wenn die Tiere im Stall gesund erscheinen und das Melken sehr sorgfältig und sauber durchgeführt wird, können über die Rohmilch Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übertragen werden (sogenannte Zoonose-Erreger).

Daher: Abkochen schützt!

Kinder, Schwangere, ältere und kranke Menschen (sog. YOPIs) sollten zur Gewährleistung der größtmöglichen Sicherheit somit die Goldene Regel der WHO einhalten und ganz auf Rohmilch und Rohmilchprodukte verzichten bzw. Rohmilch unbedingt vor Verzehr selber sachgerecht abkochen.

Hinweis:

Für Landwirte gibt es die Möglichkeit, sich den Kauf von wärmebehandelter Milch für Besuche von (Kinder-)gruppen auf ihrem Bauernhof bezuschussen zu lassen (Ansprechpartner in Niedersachsen: Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V.). So kann den Kindern ein sicheres Lebensmittel angeboten werden und trotzdem das Bewusstsein "woher die Milch kommt" gestärkt werden.

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