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Erfahrungsbericht über die Schweinehaltung in Norwegen

Im Oktober 2015 besichtigte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer während einer dreitägigen Informationsreise mehrere norwegische Schweinebestände. Anlass dieser Reise waren die Erfahrungen einer Delegation von niedersächsischen Tierärztinnen und Tierärzte, die sich bereits im November 2014 auf Initiative von Frau Prof. Dr. grosse Beilage und in Zusammenarbeit mit der Norwegian School of Veterinary Science in Norwegen ausführlich über die dortige Schweinehaltung informiert hat. In dieser Delegation waren u.a. zwei Tierärztinnen des LAVES vertreten, deren Eindrücke hier in diesem Erfahrungsbericht geschildert werden:

Derzeit werden bei nahezu 100% der konventionell gehaltenen Schweine in Deutschland die Schwänze routinemäßig kupiert. Auch ist es in Deutschland erlaubt, die Sauen in einem Zeitraum von 1 Woche vor der voraussichtlichen Geburt der Ferkel bis 4 Wochen nach dem Besamungstermin in Kastenständen zu halten. Letzteres bedeutet, dass in der Mehrzahl der konventionellen deutschen Ferkelerzeugungsbetriebe die Sauen in jedem Produktionszyklus 9-10 Wochen im Kastenstand verbringen. Ein Produktionszyklus dauert 20-21 Wochen; die Sauen stehen folglich fast die Hälfte dieser Zeit in Kastenständen. Vor allem die Fixierung der Sau in der Abferkelbucht wird von vielen deutschen Schweinehaltern/Innen insbesondere zum Schutz vor dem Erdrücken der Ferkel für unerlässlich erachtet.
 
Ein typisches Abferkelabteil in Norwegen.

In Norwegen ist das Kupieren des Schwanzes verboten; einzige Ausnahme ist das Vorliegen einer tierärztlichen Indikation. Auch die Fixierung von Sauen sowohl im Deckzentrum als auch in der Abferkelbucht ist, mit Ausnahme von begründeten Einzelfällen, nicht zulässig. Auf Initiative von Frau Prof. Dr. grosse Beilage und in Zusammenarbeit mit der Norwegian School of Veterinary Science konnte eine Delegation niedersächsischer Tierärztinnen und Tierärzte sich vor Ort über die Haltung von Schweinen mit intakten Schwänzen und die Haltung von Sauen in Abferkelbuchten ohne Fixation im Kastenstand informieren. Besucht wurden insgesamt 9 Bestände, hierunter sowohl Ferkelerzeuger als auch Mäster.

Struktur und Leistungsdaten der Schweineproduktion in Norwegen

Insgesamt werden in Norwegen etwa 55.000 Sauen gehalten und 1,5 Mio. Schweine geschlachtet. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 98%. Es gibt Bestandsobergrenzen: Ferkelerzeuger dürfen in Norwegen höchstens 105 produktive Sauen halten; gemästet werden dürfen pro Jahr und Tierhalter/In maximal 2.100 Schweine. Zum Teil wird in arbeitsteiligen Systemen gearbeitet, so dass ein Deckbetrieb mehrere Abferkelbetriebe mit Tieren „beliefert“. Die Abferkelgruppen zählen in diesen Fällen etwa 50-60 Sauen.

Auch im Deckzentrum ist die Gruppenhaltung gesetzlich vorgeschrieben. Lediglich während des Besamungsvorgangs dürfen die Sauen fixiert werden.
Auch im Deckzentrum ist die Gruppenhaltung gesetzlich vorgeschrieben. Lediglich während des Besamungsvorgangs dürfen die Sauen fixiert werden.

Die norwegischen Ferkelerzeuger produzieren auf einem vergleichbaren Niveau wie die deutschen Ferkelerzeuger: Pro Wurf werden durchschnittlich 11,2 Ferkel abgesetzt; durch die längere Säugezeit (33,5 Tage) fällt jedoch die Anzahl an abgesetzten Ferkeln pro Sau und Jahr (24,0) etwas niedriger aus. Die norwegischen Mäster erzielen bei durchschnittlichen Tageszunahmen von 957 g (innerhalb des Gewichtsbereiches von 30 – 110 kg) und einer Mortalität von durchschnittlich 1,8% bessere Leistungen als in Deutschland.

1. Haltung von Schweinen mit intakten Schwänzen

In Norwegen ist das prophylaktische Kupieren von Schwänzen bei Schweinen verboten. Nur wenn Tiere schon schwere Verletzungen an der Schwanzspitze aufweisen, ist die Amputation bei dem betroffenen Tier durch eine/n Tierärztin/arzt erlaubt. Dementsprechend werden in Norwegen nahezu 100% der Schweine mit intakten Schwänzen gehalten.

 
In Norwegen war das routinemäßige Amputieren der Schwänze nie erlaubt

Genetik

In Norwegen werden für die Sauenlinie hauptsächlich Norwegische Landrasse und Yorkshire (seit kurzem die Topigs Z-Linie) verwendet. Für die Produktion der Mastschweine kommen Eber der Rasse Duroc zum Einsatz.

Tiergesundheit

Der Infektionsdruck ist deutlich geringer als in Deutschland. Norwegen ist, im Gegensatz zu Deutschland, frei von den in Schweinebeständen üblichen Atemwegserkrankungen auslösenden Influenzaviren des Typs A der Stämme H1N1 (nicht jedoch H1N1pdm), H1N2 und H3N2, von dem Reproduktionsstörungen und respiratorische Störungen verursachenden PRRSV (Porcine Reproductive and Respiratory Syndrome Virus) und von dem Erreger der Enzootischen Pneumonie, Mycoplasma hyopneumoniae. Durchfallerkrankungen verursacht durch Brachyspira hyodysenteriae (Dysenterie) und Lawsonia Intracellularis (PIA) sowie auch Salmonellen-Infektionen treten nur noch selten in den Beständen auf. Es gibt nur einzelne Fälle von MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus)-positiven Beständen, die zurzeit umgehend saniert werden. Selbstverständlich ist Norwegen zudem frei von Tierseuchen, wie z. B. Schweinepest und Aujeszkysche Krankheit. Der Einsatz von Antibiotika ist wesentlich geringer als in Deutschland. In den besichtigten Betrieben wurden ausschließlich Einzeltiere per Injektion behandelt, hauptsächlich mit Penicillin. Norwegen hat im Vergleich zu den anderen europäischen Mitgliedstaaten/Ländern den niedrigsten Verbrauch an Antibiotika im Nutztierbereich. In 2012 wurden in Norwegen nur 4 mg Antibiotika pro pcu (population correction unit) eingesetzt, demgegenüber lag dieser Wert in Deutschland bei 205 mg/pcu (1).

Platzangebot / Bodenbeschaffenheit

Die rechtlichen Mindestanforderungen an das Platzangebot in Ferkelaufzucht- und Mastbetrieben unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland. Nur bei den Schweinen in der Endmast (85-110 kg) ist die vorgeschriebene Mindestfläche pro Tier in Norwegen mit 0,80 qm etwas größer als in Deutschland (0,75 qm). Anders als in Deutschland bleiben in vielen norwegischen Betrieben die Ferkel nach dem Absetzen bis zur Umstallung in die Mast wurfweise in der Abferkelbucht zusammen, die eine Mindestfläche von 6 qm aufweisen muss. Somit ist in der Praxis das Platzangebot für die Absatzferkel in Norwegen oftmals größer als dies in den deutschen Aufzuchtställen üblich ist.

Nach dem Absetzen bleiben die Wurfgeschwister zusammen. Diese Art der Ferkelaufzucht in den Abferkelbuchten ist in Norwegen weit verbreitet.
Nach dem Absetzen bleiben die Wurfgeschwister zusammen. Diese Art der Ferkelaufzucht in den Abferkelbuchten ist in Norwegen weit verbreitet.

Des Weiteren sind in Norwegen planbefestigte Liegeflächen vorgeschrieben. Diese müssen so groß sein, dass in jedem Gewichtsabschnitt alle Tiere gleichzeitig darauf liegen können. In den besichtigten Betrieben war meist etwa ¾ der Fläche planbefestigt und etwa ¼ perforiert. Eine Verschmutzung der Buchten bzw. der Schweine mit Kot war trotzdem nicht feststellbar.

Trennung der Funktionsbereiche
Trotz eines großen Anteils an Festfläche sind die Tiere sauber. Die Trennung der Funktionsbereiche wird durch kleine Details gesteuert und von den Tieren gut angenommen.

Stallklima

Die Schweine werden in Norwegen bei deutlich niedrigeren Abteiltemperaturen gehalten. Die Mindestluftraten sind für deutsche Verhältnisse relativ hoch. Gelüftet wird meistens mittels Decken- oder Wandventile, deren Öffnungsgrad von der Luftrate abhängt. Während des Besuches wurden in den Ställen keine Klimamessungen vorgenommen, das Stallklima war jedoch sensorisch als sehr gut zu bezeichnen. Die Ammoniak (NH3)-Werte, die während vorheriger Besuche von Frau Prof. Dr. grosse Beilage gemessen wurden, lagen im Aufenthaltsbereich der Tiere meist zwischen 5 und 10 ppm (maximal 15 ppm) (2).

Beschäftigungsmaterial.

Jedes Schwein muss ständig Zugang zu ausreichenden Mengen an Wühlmaterial haben. Als Wühlmaterial werden häufig Sägespäne, aber auch Stroh und Grassilage eingesetzt. Auf den meisten besichtigten Betrieben wurde einmal täglich eine Schaufel Sägespäne auf die planbefestigte Fläche gegeben. Zusätzlich bekam jedes Tier dann später am Tag noch etwa eine Handvoll Grassilage oder Stroh. Diese Art der Darreichung des Materials auf der planbefestigten Fläche garantiert, dass alle Tiere ihren Wühltrieb gleichzeitig befriedigen können.

Futter / Fütterung

In Norwegen wird mehr Gerste und Hafer verfüttert als in Deutschland. Im Gegensatz zu Deutschland wird Hafer in Norwegen verbreitet angebaut. Weizen wird zwar auch angebaut und verfüttert, jedoch in deutlich geringeren Mengen. Fischmehl darf verfüttert werden und kommt vor allem in den Rationen für säugende Sauen und Absetzferkel zum Einsatz. Zusätzlich bekommen die Schweine, wie oben beschrieben, noch kleine Mengen Raufutter in Form von Heu, Grassilage oder Stroh.

In einer einfachen Bucht werden verschiedene Bedürfnisse der Schweine erfüllt: Gleichzeitiges Fressen, gleichzeitige Beschäftigung und getrennte Funktionsbereiche.
In einer einfachen Bucht werden verschiedene Bedürfnisse der Schweine erfüllt: Gleichzeitiges Fressen, gleichzeitige Beschäftigung und getrennte Funktionsbereiche.

Das Tier-Fressplatzverhältnis in den besichtigten Betrieben lag, abgesehen von nur sehr wenigen Ausnahmen, bei 1:1. Sowohl in der Ferkelaufzucht als auch in der Mast wurde zumeist flüssig gefüttert. In den Abferkelbuchten war der Trog meist so lang, dass sowohl die Sau als auch ihre Ferkel gemeinsam daraus fressen konnten. Auch in den Abferkelabteilen wurde häufig flüssiges Futter verabreicht.

Säugezeit und Absetzalter

Das Mindestabsetzalter in Norwegen beträgt 28 Tage. In den meisten Praxisbetrieben werden die Ferkel jedoch erst mit etwa 33 Tagen abgesetzt. Diese längere Säugezeit und die Bewegungsfreiheit der Sau erlauben eine intensive Interaktion zwischen Sau und Ferkel. Der planbefestigte Bereich, der auch in den Abferkelbuchten in der Regel etwa ¾ der Gesamtfläche der Bucht ausmacht, wird täglich mit frischem Wühlmaterial, meist Sägespänen, eingestreut. Dies ermöglicht den Ferkeln, schon in den ersten Lebenswochen Erfahrungen mit diesen Materialien zu sammeln.

Als Beschäftigungsmaterial werden zusätzlich zu den Sägespänen oft Heu oder Grassilage verwendet. Sau und Ferkel können sich gemeinsam damit beschäftigen.
Als Beschäftigungsmaterial werden zusätzlich zu den Sägespänen oft Heu oder Grassilage verwendet. Sau und Ferkel können sich gemeinsam damit beschäftigen.

Die Kastration darf in Norwegen nur mit Schmerzausschaltung (Lokalanästhesie in Kombination mit einem langwirkenden Schmerzmittel (NSAID = nicht-steroidaler Entzündungshemmer) in den ersten 4 Lebenswochen durchgeführt werden. Durch den hohen Gesundheitsstatus erübrigen sich im Saugferkelalter die meisten in Deutschland üblichen Impfmaßnahmen. In vielen Betrieben bleiben die Ferkel nach dem Absetzen wurfweise in der Abferkelbucht; dies verringert die Belastung der Ferkel beim Absetzen wesentlich.

2. Haltung von Sauen in Freilauf-Abferkelbuchten

Die Fixierung von Sauen in Kastenständen in der Abferkelbucht ist in Norwegen grundsätzlich verboten. Lediglich in Einzelfällen (z.B. sehr unruhige oder aggressive Sauen) darf eine Sau während der ersten 7 Tage nach der Geburt fixiert werden. Für die Buchten sind eine Mindestgröße von 6 qm und eine Mindestbreite von 1,8 m gesetzlich vorgeschrieben. In der Praxis werden jedoch bei Neubauten inzwischen meist Abferkelbuchten mit einer Größe von mehr als 7 qm installiert. Die Buchten sind eher quadratisch aufgeteilt und auf einen sog. „Ferkelschutzkorb“ wird in den meisten Betrieben verzichtet. Das Ferkelnest befindet sich i.d.R. in einer Ecke der Bucht und ist mit einer Abdeckung, Fußbodenheizung und einer Infrarotlampe ausgestattet, so dass ein passendes Mikroklima für die Ferkel vorhanden ist.

 
Die Freilauf-Abferkelbucht erlaubt eine intensive soziale Interaktion zwischen Sau und Ferkeln.

Saugferkelverluste

Trotz des Verzichts auf der Fixierung der Sau liegen die Saugferkelverluste in Norwegen mit durchschnittlich 15% auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland. Die Top 10% der norwegischen Betriebe erzielen Saugferkelverluste unter 10% und bei zwei der besuchten Betriebe wurden sogar Saugferkelverluste von nur 6 - 8% erreicht. Die Geburten werden sehr intensiv überwacht und anschließend wird ein Wurfausgleich praktiziert. Managementmaßnahmen wie z.B. Geburtshilfe und Wurfausgleich sind nach Aussage der besuchten Tierhalter ohne größere Probleme auch bei freilaufenden Sauen möglich.

Nestbaumaterial / Beschäftigungsmaterial

Nestbaumaterial ist vorgeschrieben und muss ab 3 Tage vor der erwarteten Geburt verfügbar sein. Dazu wird i.d.R. Stroh oder auch Heu verwendet. Danach kommen, wie zuvor beschrieben, häufig Sägespäne als Beschäftigungsmaterial für Sau und Ferkel zum Einsatz.

Literatur:

Sau mit Ferkeln
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