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"Kindermilch" ist keine Milch

Hersteller müssen Produktnamen ändern


Als „Kindermilch" wurden jahrelang komplex zusammengesetzte und stark verarbeitete Produkte verkauft. Das ist unzulässig, denn die Bezeichnung „Milch" ist EU-weit geschützt. Nach häufigen Beanstandungen und übereinstimmenden Beschlüssen in länderübergreifenden Gremien haben sich Überwachungsbehörden aus drei Bundesländern, darunter die Region Hannover, darauf verständigt, das Verbot der Bezeichnung „Kindermilch“ gemeinsam umzusetzen – mit Erfolg.

Im Rahmen der europäischen Marktordnung unterliegt die Bezeichnung „Milch“ seit über 30 Jahren einem besonderen Schutz, um die Qualität und Unverfälschtheit von Milch und Milcherzeugnissen zu erhalten. Nur das durch Melken von Säugetieren gewonnene Erzeugnis darf als „Milch“ bezeichnet werden. Andere Erzeugnisse dürfen die Bezeichnung „Milch“ nicht tragen, auch nicht in Wortverbindungen wie „Kindermilch“.

Die Verordnung (EU) Nr. 1308/2013 legt fest, dass die Bezeichnung „Milch“ (bzw. „Butter“, „Käse“, „Joghurt“ usw. für Milcherzeugnisse) eben nur für Milch, Butter etc. erlaubt ist.
Ausnahmen davon bestehen bei insgesamt 21 Produkten, die aufgrund ihrer traditionellen Verwendung genau bekannt sind, wie bei „Kokosmilch“, „Liebfrauenmilch“, „Erdnussbutter“ oder „Leberkäse“. Produkte für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung müssen, wenn ihr Proteingehalt ausschließlich aus Kuhmilch- oder Ziegenmilchprotein besteht, nach EU-Recht die Bezeichnung „Säuglingsmilchnahrung“ bzw. „Folgemilch“ tragen.



„Kindermilch“: Milchpulver mit Zusätzen

Bei den im Lebensmitteleinzelhandel unter dem Produktnamen „Kindermilch“ angebotenen Erzeugnissen handelt es sich um komplex zusammengesetzte Produkte auf Basis von verarbeiteten Milchprodukten mit zugesetzten pflanzlichen Fetten, Lactose und anderen Kohlenhydraten, Vitaminen, Mineralstoffen, Emulgatoren, und teilweise auch mit Aromastoffen. Sie werden überwiegend als Pulver angeboten. Ähnliche handelsübliche Pulvernahrungen sind „Säuglingsmilchnahrung“ und „Folgemilch“ für Säuglinge, die nicht oder nicht ausschließlich gestillt werden. Dabei handelt es sich um qualitativ hochwertige und durchaus hochpreisige Produkte, die, soweit erforderlich, als Ersatz für Muttermilch bei Säuglingen bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres verwendet werden. Für Kleinkinder ab einem Jahr sind solche Spezialprodukte jedoch für eine angemessene Ernährung nach aktuellen Empfehlungen nicht notwendig.


Umsetzung geltenden Rechts

Gleichwohl werden der europäische Marktumfang dieser Produkte im Einzelhandel auf mehr als 42.000 Tonnen und der Marktwert auf über 500 Mio. EUR geschätzt (Zahlen für 2012 nach [1]). Mit der Bezeichnung „Kindermilch“ knüpfen die Hersteller dieser Produkte bewusst an die Muttermilchersatzprodukte für Säuglinge als auch an den guten Ruf echter Trinkmilch an. Jedoch sind diese Produkte eben keine „Milch“ und damit auch keine „Kindermilch“ (Milch, die für Kinder bestimmt ist).

Auch wenn die rechtliche Bewertung zur „Kindermilch“ eindeutig ist, bedarf die bundesweit einheitliche Umsetzung des geltenden Rechts auf Grund der Vielzahl der am Markt befindlichen Produkte einer behördenübergreifenden Abstimmung. Daher haben mehrere Überwachungsbehörden betroffener Kreise und die beteiligten Gutachter aus Untersuchungseinrichtungen eine einheitliche Vorgehensweise zur Abstellung des rechtlichen Mangels abgestimmt.

Zukünftig „Kindergetränk“ oder „Kinderdrink“

Mit Unterlassung der verbotenen Bezeichnung „Kindermilch“ werden die Produkte zukünftig unter Angaben wie „Kindergetränk“ oder „Kinderdrink“ in Verbindung mit der jeweiligen Altersangabe vermarktet. Rechtlich ist bei diesen Produkten die Angabe einer beschreibenden Bezeichnung erforderlich, die es Verbrauchern ermöglicht, die tatsächliche Art des Lebensmittels zu erkennen und es von ähnlichen Erzeugnissen zu unterscheiden. Diese Bezeichnung ist häufig deutlich kleiner oder auf der Seite der Verpackung angegeben und könnte zum Beispiel „Milchgetränkepulver zur Ernährung von Kleinkindern mit entrahmter Milch und pflanzlichen Ölen“ lauten.

Laut der europäischen „Verordnung über Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder, Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke und Tagesrationen für gewichtskontrollierende Ernährung" (Verordnung (EU) Nr. 609/2013) werden Milchgetränke für Kleinkinder und vergleichbare Erzeugnisse zukünftig nicht speziell geregelt. Sie unterliegen derzeit noch teilweise den Bestimmungen der nationalen Diätverordnung und sind beim ersten Inverkehrbringen anzeigepflichtig. Die Nährstoffzusammensetzung ist (anders als bei Folgemilch) nicht verbindlich vorgeschrieben. Sie unterliegen lediglich dem allgemeinen Lebensmittelrecht und als angereicherte Lebensmittel den Vorschriften der „Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 über den Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen sowie bestimmten anderen Stoffen zu Lebensmitteln“.


„Kleinkinder brauchen keine Milchersatzprodukte“

Nach Aussagen der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) [2] sind spezielle Milchgetränke für die Ernährung von Kleinkindern nicht notwendig, da der Nährstoffbedarf in dieser Altersgruppe durch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Kost gedeckt werden kann. Angereicherte Milchgetränke können jedoch alternativ zu Trinkmilch, als Getränk in einer Menge von etwa 300 ml pro Tag (1-2 Tassen) verwendet werden. Für Kindermilchgetränke empfiehlt die DGKJ die in der Tabelle wiedergegebene Zusammensetzung. Die bisher auf dem Markt befindlichen Milchgetränke für Kleinkinder haben zwar durch Gehalte an essenziellen Fettsäuren (alpha-Linolensäure, Docosahexaensäure), Eisen und Vitamin D Vorteile gegenüber Trinkmilch, liegen aber in ihrem Energiegehalt, Fett- und insbesondere Kohlenhydratgehalt deutlich über den empfohlenen Werten. Milchgetränke für Kleinkinder sollten ohne den Zusatz von Zuckern wie Fruktose oder Saccharose und ohne künstliche Aromastoffe auskommen. Die von der DGKJ empfohlene Zusammensetzung ist rechtlich nicht verbindlich festgelegt.

Inhaltsstoffe Empfohlener Gehalt (Min-Max)
Teilentrahmte Milch
Energie (kcal/100ml)
45 - 70
48
Protein (g/100 kcal)
1,6 - 2,7
6,9
Fett (g/100kcal)
Max 6
3,3
Linolsäure (mg/100 kcal)
Min 500
40

α-Linolsäure (ALA) (mg/100 kcal)

Min 50
21
Docosahexansäure (DHA) (mg/100 kcal)
Wünschenswert: 15
-
Verwertbare Kohlenhydrate (g/100 kcal)
Max 10
10
Lactose 80 % der KH
100 %
Vitamin D (µg/100 kcal)

Min 1,5
0,06
Eisen (mg/100 kcal)
Min 1
0,09


Jod (µg/100 kcal)


Min 12
6,8

[1]AINIA, Centro Tecnológico, 2013, Report of „data collection with respect to the availability and nutritional composition of different types of milk-based drinks and similar products for young children with the denomination of „growing up milks” or „toddlers' milks” or with similar terminology currently on the market in EU Member States”, EFSA supporting publication 2013: EN-505. S. 12-34. https://doi.org/10.2903/sp.efsa.2013.EN-505 Zitiert im Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat über Kleinkindnahrung vom 31.03.2016 (SWD(2016) 99 final
[2] Folgenahrungen für Kleinkinder im Alter von einem bis drei Jahren (sog. Kindermilchgetränke); Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (Aktualisierung April 2017); Monatsschrift Kinderheilkunde, DOI 10.1007/s00112-017-0311-3

Mädchen trinkt Milch
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