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Tierschutzauflagen für Schweine haltende Betriebe

Rechtlicher Hintergrund

Seit August 2006 gelten für Schweine haltende Betriebe in Deutschland die spezialgesetzlichen Regelungen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung*. Abschnitt 1 enthält allgemeine Bestimmungen, Abschnitt 5 regelt die speziellen Anforderungen an das Halten von Schweinen. Bis auf eine Ausnahme, die im Text genannt wird, sind die meisten Übergangsfristen für bereits vor dem 04. August 2006 genehmigte bzw. in Betrieb genommene Ställe inzwischen ausgelaufen. Nicht eingehaltene Fristen können zusätzliche Kosten durch Bußgelder und Prämienabzüge zur Folge haben.

Im Folgenden werden die Tierschutzanforderungen, die immer wieder Anlass zur Diskussion geben sowie die verbleibende Übergangsfrist geordnet nach Nutzungsart beschrieben. Auf Sonderregelungen für Kleinbetriebe mit weniger als 10 Sauen wird nicht näher eingegangen.

Allgemeine Anforderungen für Schweine haltende Betriebe

Jeder Tierhalter bzw. -betreuer muss seine Tiere entsprechend ihrer Art und ihren Bedürfnissen angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen. Dabei darf die Möglichkeit zu artgemäßer Bewegung nicht so eingeschränkt werden, dass dem Tier Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.

Sämtliche Tiere müssen mindestens einmal täglich kontrolliert werden. Auffällige kranke oder verletzte Schweine müssen unverzüglich separat in eine geeignete Haltungseinrichtung mit trockener und weicher Einstreu oder Unterlage verbracht und versorgt werden. Ggf. ist ein Tierarzt hinzuzuziehen; in aussichtslosen Fällen sind die Schweine tierschutzgerecht zu töten. Das Ergebnis der täglichen Überprüfung, sämtliche medizinischen Behandlungen, aufgetretene Verluste sowie deren Ursachen müssen vom Tierhalter dokumentiert werden.



Bei der Unterbringung der Schweine müssen folgende Grundsätze beachtet werden:

Alle Tiere müssen gleichzeitig ungehindert liegen, aufstehen, sich hinlegen und eine natürliche Körperhaltung einnehmen können. Sie benötigen einen trockenen Liegeplatz und dürfen nicht mehr als unvermeidbar mit Kot und Harn in Berührung kommen. Jedes Schwein muss zumindest Sichtkontakt zu Artgenossen haben. Da Schweine sehr gesellige Tiere sind, sind sie soweit wie möglich in der Gruppe zu halten. Zur Vermeidung von Rangordnungskämpfen sollte auf Umgruppierungen verzichtet werden. Ist ein Schwein jedoch nachhaltig unverträglich, muss der Betreuer dafür Sorge tragen, dass es einzeln untergebracht wird. Die Einzelhaltung ist dann so zu gestalten, dass sich das Schwein ungehindert umdrehen kann.

Jedes Schwein muss ab dem ersten Lebenstag jederzeit Zugang zu Wasser in ausreichender Menge und Qualität haben. Bei größeren Tiergruppen muss bei der Verwendung von Selbsttränken für höchstens 12 Schweine eine Tränkstelle vorhanden sein. Die Tränken sind in ausreichender Anzahl räumlich getrennt von der Futterstelle anzubringen. Diese Forderung gewährleistet, dass auch rangniedere und kranke Schweine zu jeder Zeit ungehindert Wasser aufnehmen können. Sie gilt als erfüllt, wenn der Abstand zwischen der Futterstelle und der Tränke mindestens eine "Schweinelänge" beträgt. Eine Flüssigfütterung zählt in keinem Fall als Tränkstelle, unabhängig davon, ob die Tröge zwischen den Fütterungen mit Spülwasser gefüllt werden. Ein Breiautomat kann nur dann als Tränkstelle anerkannt werden, wenn die Schweine an diesem tatsächlich Wasser (nicht Futterbrei!) aufnehmen können und mindestens eine weitere separate Tränkstelle in der Bucht zur Verfügung steht.

Zur Befriedigung des Erkundungsverhaltens muss jedes Schwein jederzeit Zugang zu veränderbarem Beschäftigungsmaterial haben, das von ihm untersucht und bewegt werden kann. Es muss hygienisch und gesundheitlich unbedenklich sowie frei von Rückständen sein. Besonders attraktiv ist das Angebot von Stroh, Heu, Silage oder ähnlichen Materialien. Selbst auf Spaltenböden lassen sich Raufen, Körbe oder Automaten einsetzen, aus denen die Tiere nur einzelne Halme herausarbeiten können, die nicht zu einer Verstopfung der Güllekanäle führen. Aber auch andere Materialien, wie beispielsweise dicke Sisalseile sind zur Beschäftigung von Schweinen gut geeignet. Mindestens jedoch sollte eine bewegliche Kette kombiniert mit veränderbarem Material, wie z. B. Weichholz, vorhanden sein. Weitere Informationen zur rechtlichen Einschätzung von verschiedenen Beschäftigungsmaterialien finden sich hier.

Schweine wühlen im Stroh  
Stroh und Raufutter von guter Qualität befriedigen das Futtersuchverhalten der Schweine und sind daher besonders attraktive Beschäftigungsmaterialien


Die Böden im Tierbereich müssen grundsätzlich rutschfest und trittsicher sein und dürfen keine Verletzungsgefahr bergen. Sie müssen der jeweiligen Größe und dem Gewicht der Tiere angepasst sein. Bei Spaltenböden muss die Auftrittsbreite mindestens der Spaltenweite entsprechen. Die Spalten dürfen höchstens folgende Spannweiten aufweisen:


Saugferkel

11 mm

Absatzferkel

14 mm

Zuchtläufer / Mastschweine

18 mm

Jungsauen / Sauen / Eber

20 mm

Bei Verwendung von Betonspaltenböden müssen die Kanten entgratet sein. Die Auftrittsbreite muss bei Saug- und Absatzferkeln mindestens 5 cm und bei älteren Schweinen mindestens 8 cm betragen. Der Liegebereich darf, außer bei Absatzferkeln, höchstens einen Perforationsgrad von 15 % aufweisen.


Schwein am Strohkorb
Auf Vollspaltenböden kann Stroh beispielsweise in Körben angeboten werden

Zusätzliche Mindestanforderungen für Mastschweine und Zuchtläufer

Als Zuchtläufer und Mastschweine werden Schweine ab der 10. Lebenswoche bis zum ersten Zuchteinsatz bzw. bis zur Schlachtung bezeichnet. In der folgenden Tabelle ist der Platzbedarf pro Schwein angegeben. Jeweils die Hälfte der Mindestfläche darf als Liegebereich nur einen maximalen Perforationsgrad von 15% aufweisen.


Durchschnittsgewicht in kg

Bodenfläche je Tier in m²

über 30 bis 50

0,5

über 50 bis 85

0,75

über 85 bis 110

0,75

über 110

1,0




Zusätzliche Mindestanforderungen für Absatzferkel

Absatzferkel sind definiert als abgesetzte Ferkel bis zum Alter von 10 Wochen. Das Durchschnittsgewicht der Ferkel einer Gruppe muss mindestens 5 kg betragen. Bei neu zusammengesetzten Gruppen darf das Gewicht der einzelnen Tiere um höchstens 20 % vom Durchschnittsgewicht der Absatzferkel der Gruppe abweichen. In der folgenden Tabelle ist der Platzbedarf pro Ferkel angegeben.


Durchschnittsgewicht in kg

Mindestfläche je Tier in m²

über 5 bis 10

0,15 m²

über 10 bis 20

0,20 m²

über 20

0,35 m²


Zusätzliche Mindestanforderungen für Saugferkel

Saugferkel dürfen erst im Alter von über vier Wochen abgesetzt werden. Ein Absetzen von jüngeren, jedoch mindestens drei Wochen alten Ferkeln ist nur dann erlaubt, wenn sie direkt in einem gereinigten und desinfizierten Stall, vollständig getrennt von den Sauen, untergebracht werden.

Während der ersten 10 Tage nach der Geburt darf im Liegebereich der Saugferkel eine Temperatur von 30°C nicht unterschritten werden. Danach müssen, je nach Durchschnittsgewicht der Ferkel, die Mindesttemperaturen nach folgender Tabelle eingehalten werden.


Durchschnittsgewicht in Kilogramm

Mindesttemperatur ohne / mit Einstreu im Liegebereich in Grad Celsius

bis 10

20/16

über 10 bis 20

18/14

über 20

16/12


Zusätzliche Mindestanforderungen für Jungsauen, Sauen und Jungferkel

Weibliche Zuchtschweine werden ab dem Decken bis vor dem ersten Wurf als Jungsau und ab dem ersten Wurf als Sau bezeichnet. Im folgenden Text wird die Jungsau nur dann explizit erwähnt, wenn für sie andere Anforderungen gelten als für die Sau. Saugferkel sind definiert als Ferkel bis zum Absetzen.

Für den Sauenhalter hat sich seit August 2006 durch die Neufassung der Tierschutz- Nutztierhaltungsverordnung einiges geändert, denn seitdem müssen Sauen ab vier Wochen nach dem Decken bis eine Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin in der Gruppe gehalten werden.


Für die Gruppenhaltung von Sauen gelten folgende Anforderungen:

Eine Gruppenbucht muss eine Mindestseitenlänge von 280 cm haben bzw. 240 cm, wenn die Gruppe aus weniger als 6 Sauen besteht. Die Mindestbodenfläche pro Sau bzw. Jungsau in der Gruppenbucht ist von der Gruppengröße abhängig:


Fläche in Quadratmetern

Gruppengröße

bis 5 Tiere

6 - 39 Tiere

ab 40 Tiere

je Jungsau

1,85

1,65

1,5

je Sau

2,5

2,25

2,05

Von dieser Fläche müssen mindestens 0,95 m² je Jungsau bzw. 1,3 m² je Sau als Liegebereich gestaltet sein, d.h. der Boden darf hier maximal einen Perforationsgrad von 15 % aufweisen. Sauen, die während der Zeit der Gruppenhaltung z. B. aufgrund von Unverträglichkeit, Erkrankung oder Verletzung von der Gruppe separiert werden, müssen so gehalten werden, dass sie sich jederzeit ungehindert umdrehen können.






Sauengruppe auf Stroh
Gruppenhaltung von Sauen
Findet die Gruppenhaltung in Fress-Liegebuchten statt, dann müssen sie so angelegt sein, dass die Sauen diese jederzeit selbstständig aufsuchen und verlassen können. Der Boden der Fress-Liegebucht darf im vorderen Bereich, gemessen ab buchtenseitiger Kante des Futtertrogs, auf mindestens 1 m einen Perforationsgrad von maximal 15 % aufweisen. Die Gangbreite hinter den Fress-Liegebuchten muss bei einseitiger Buchtenanordnung mindestens 160 cm und bei beidseitiger Anordnung 200 cm betragen. Ist dieser Gang in Altbauten schmaler, ein ungehindertes Umdrehen und aneinander Vorbeigehen der Tiere jedoch möglich, kann der schmalere Gang im Einzelfall, nach Zustimmung des zuständigen Veterinäramts, noch bis zum 31. Dezember 2018 genutzt werden.

Die Einzelhaltung im Kastenstand ist ab einer Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin bis vier Wochen nach dem Decken erlaubt. Dabei darf der Liegebereich im Kastenstand nicht über Teilflächen hinaus perforiert sein, durch den Restfutter fallen oder Kot oder Harn durchgetreten werden oder abfließen kann.

Der Kastenstand muss so gestaltet sein, dass die Sau sich nicht verletzen, ungehindert aufstehen und sich mit ausgestrecktem Kopf und Gliedmaßen in Seitenlage hinlegen kann. Um diese Vorgabe gewährleisten zu können, muss der Größe der individuellen Sauen Rechnung getragen werden. Somit sind ggf. Kastenstände verschiedener Größen vorzuhalten Die lichte Höhe des Kastenstands muss mindestens so bemessen sein, dass die stehende Sau dort nicht anstoßen kann. Jegliche Form der Anbindehaltung ist verboten!

Um den zumeist restriktiv gefütterten tragenden Sauen ein Sättigungsgefühl zu verschaffen, muss während der Trächtigkeit bis eine Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin entweder ein Alleinfuttermittel mit mindestens 8 % Rohfaseranteil gefüttert oder täglich mindestens 200 g Rohfaser angeboten werden. Trächtige Sauen sind erforderlichenfalls gegen Parasiten zu behandeln und vor dem Einstallen in die Abferkelbucht zu reinigen.

Abferkelbuchten müssen so angelegt sein, dass hinter dem Liegebereich der Sau genügend Bewegungsfreiheit zum ungehinderten Abferkeln und für geburtshilfliche Maßnahmen vorhanden ist. Außerdem müssen Schutzvorrichtungen gegen das Erdrücken der Saugferkel vorhanden sein. Der Aufenthaltsbereich der Saugferkel muss so beschaffen sein, dass alle gleichzeitig ungehindert saugen oder sich ausruhen können. Der Boden des Ferkelnestes muss eine geschlossene Fläche aufweisen, die entweder mit Einstreu bedeckt oder wärmegedämmt und beheizbar ist.

In der Woche vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin muss den Sauen ausreichend Stroh oder anderes Material zur Befriedigung ihres Nestbauverhaltens zur Verfügung gestellt werden, soweit dies nach dem Stand der Technik mit der vorhandenen Anlage zur Kot- und Harnentsorgung vereinbar ist.

Sauf auf Stroh liegend säugt mehrere Ferkel
Alle Ferkel müssen gleichzeitig saugen können

Eingriffe bei Saugferkeln

Grundsätzlich sind Amputationen oder Beschädigungen eines Körperteils oder Organs nach dem Tierschutzgesetz** verboten. Nur in gut begründeten, unerlässlichen Einzelfällen sind Ausnahmen zulässig. Das bedeutet, dass Eingriffe wie beispielsweise das Kürzen der Schwanzspitze und das Abschleifen der Eckzähne bei Saugferkeln nicht routinemäßig prophylaktisch durchgeführt werden dürfen; dies gilt im Übrigen EU-weit. Faktoren wie Beschäftigung, Stallklima, Belegdichte, Fütterung und Tiergesundheit müssen im Vorfeld überprüft und optimiert werden. Nach geltendem EU-Recht darf der Schwanz eines Schweines nur dann kupiert werden wenn: 1) Nachweise vorliegen, dass Verletzungen an den Schwänzen anderer Schweine entstanden sind, und 2) „andere Maßnahmen", die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus gehen, getroffen sind, um das Schwanzbeißen zu reduzieren, wobei die Unterbringung und Bestandsdichte zu berücksichtigen sind. Das Auftreten von Schwanzbeißen hat multifaktorielle Ursachen. Es müssen somit von den Betrieben individuelle Maßnahmen ergriffen werden, um auf die Notwendigkeit des Schwanzkupierens verzichten zu können. Ist ein Schwanzkürzen unvermeidbar, dann darf die Schwanzspitze bei bis zu 3 Tage alten Ferkeln um maximal 1/3 gekürzt werden. Weitere Informationen zum Thema Schwanzbeißen finden sich in dem Ratgeber zur Reduzierung des Risikos für Schwanzbeißen bei Schweinen den das Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Rahmen seiner Facharbeitsgruppe Schwein des Niedersächsischen Tierschutzplans herausgegeben hat.


Intakter Ringelschwanz
Ein intakter Ringelschwanz: Das routinemäßige Kupieren der Schwänze ist grundsätzlich verboten

Auch bezüglich des Abschleifens der Eckzähne gilt, dass vor Durchführung dieses Eingriffs nachweislich die bekannten Risikofaktoren abgestellt wurden und dennoch Probleme wie z.B. Gesäugeverletzungen bei den Sauen auftreten. Wenn der Eingriff trotz allem unvermeidbar ist, dürfen lediglich die Spitzen der Eckzähne innerhalb der ersten Lebenswoche abgeschliffen werden. Ein Abkneifen der Zähne ist grundsätzlich verboten, da dies häufig zu Zahnfrakturen und Verletzungen führt, die Eintrittspforten für Infektionserreger darstellen. Sämtliche Eingriffe dürfen nur von sachkundigen Personen durchgeführt werden.

Sämtliche Eingriffe stellen grundsätzlich eine „Ausnahme von der Regel" dar! Nur im begründeten Einzelfall und für eine begrenzte Zeit sind sie nach geltendem europäischem und nationalem Recht zulässig. Der Tierhalter ist verpflichtet kontinuierlich an den Ursachen der Probleme zu arbeiten! Zum Nachweis dieses Prozesses sollten die dazu durchgeführten Maßnahmen dokumentiert werden.

Zusätzliche Mindestanforderungen für Eber

Ein Eber ist nach der Verordnung als geschlechtsreifes, männliches Schwein, das zur Zucht bestimmt ist, definiert. Die Haltungseinrichtung eines jeden Ebers muss so gestaltet sein, dass er sich ungehindert umdrehen und andere Schweine hören, riechen und sehen kann. Für Eber ab dem Alter von 24 Monaten muss die Bucht mindestens 6 m² groß sein. Eine Deckbucht muss eine Mindestgröße von 10 m² haben und so angelegt sein, dass die Sau dem Eber ausweichen und sich ungehindert umdrehen kann.

* Verordnung zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere und anderer zur Erzeugung tierischer Produkte gehaltener Tiere bei ihrer Haltung v. 22. Aug. 2006 (BGBl. I S. 2043) Zuletzt geändert durch Art. 1 der Verordnung vom 5.2.2014 (BGBl. I S. 94)

**Tierschutzgesetz in der Fassung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), zuletzt geändert durch Artikel 3 des Gesetzes vom 28. Juli 2014 (BGBl. I S. 1308)



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