LAVES klar

Pflanzenschutzmittel und Bienenschutz

Kulturpflanzen und Honigbienen
Bienenschutz-Verordnung
Untersuchungen von Pflanzenschutzmittel auf Bienengefährlichkeit
Bienenvergiftungen
Optimierung des Bienenschutzes

Kulturpflanzen und Honigbienen

In der Koevolution von Blütenpflanzen und Bestäuberinsekten hat sich ein fein abgestimmtes Beziehungsgeflecht bezüglich Bestäubung und Nahrungserwerb entwickelt. Honigbienen werden durch Blütenduft und -farbe angelockt und mit Nektar und Pollen für die Bestäubungsleistung belohnt. Die Honigbiene und andere Insekten sind aufgrund ihrer Bestäubungsleistungen von unschätzbarem ökologischen und ökonomischen Wert für blühende Wild- und Kulturpflanzen.

Eine besondere Bedeutung kommt der Honigbiene bei der Bestäubung der zahlreichen Kulturpflanzen zu. Je nach Kultur ist das Ergebnis des gezielten Bestäubungseinsatzes mit Bienenvölkern nicht nur ein höherer Ertrag, sondern auch Qualitätskriterien wie mehr Samenkörner, gleichmäßigere Fruchtausbildung, gleichmäßige Reifung der Früchte etc. spielen eine Rolle.

Bienenschutz-Verordnung

In landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kulturen ist der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln im Rahmen von Pflanzenschutzmaßnahmen oftmals unverzichtbar. Bienenvölker als Bestäuber und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sind ein Konfliktfeld. Das Pflanzenschutzgesetz regelt den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln von der Begriffs- und Zweckbestimmung über Zulassungsverfahren, Verkehr, Anwendung, Entschädigungsregelungen und Überwachung bis zu den Vorschriften zum Schutz von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen. Basierend auf dem Pflanzenschutzgesetz wurden weitere Verordnungen erlassen. Honigbienen werden durch die Verordnung über die Anwendung bienengefährlicher Pflanzenschutzmittel (Bienenschutzverordnung) geschützt. Mit der Zulassung erteilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) u.a. auch Auflagen bzgl. des Bienenschutzes.

Einstufung von Pflanzenschutzmitteln in 4 Kategorien

B1

bienengefährlich

B2

bienengefährlich, außer bei der Anwendung nach dem Ende des täglichen Bienenfluges in dem zu behandelnden Bestand bis 23.00 Uhr

B3

aufgrund der durch die Zulassung festgelegten Anwendung des Mittels werden Bienen nicht gefährdet

B4

nicht bienengefährlich

Zeltversuch
Zeltversuch

Für "bienengefährliche" Pflanzenschutzmittel gibt es erhebliche Auflagen bei der Anwendung. Die Auflagen gelten für jeden Anwender unabhängig von Eigentumsverhältnissen oder Betriebsgrößen (Landwirt, Auftragsunternehmer, Gärtner oder Kleingärtner). So dürfen keine blühenden oder von Bienen beflogenen Kulturen mit bienengefährlichen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden. Dies gilt auch für alle anderen Pflanzen, die sich in bzw. am Rande der zu behandelnden Kultur befinden. Ebenso dürfen bienengefährliche Pflanzenschutzmittel nicht im Umkreis von Bienenvölkern (60 m Abstand) ausgebracht werden. Bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln ist vom Anwender auch die Drift des Spritznebels aufgrund von Wind zu berücksichtigen. Ferner dürfen Bienen nicht mit Pflanzenschutzmitteln bei deren Handhabung, Aufbewahrung und Beseitigung in Berührung kommen. Nicht bienengefährliche Pflanzenschutzmittel dürfen in die Blüte gespritzt werden. Neben diesen 2 Kategorien gibt es eine 3. Kategorie von Pflanzenschutzmitteln, die grundsätzlich als bienengefährlich gelten, allerdings nicht bei der Anwendung nach dem täglichen Bienenflug bis 23.00 Uhr. Eine 4. Kategorie betrifft Pflanzenschutzmittel bei deren Anwendung Honigbienen nicht mit dem Präparat konfrontiert werden.

Bruttest
Bruttest

Untersuchungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bienengefährlichkeit

Bevor ein Pflanzenschutzmittel zugelassen wird, muss ein umfangreiches Dossier bezüglich zahlreicher Fragestellungen wie z.B. Wirksamkeit gegenüber Zielorganismus, Verträglichkeit bei Nutzorganismus, Anwenderschutz, Rückstandsverhalten, ökologische Verträglichkeit, Nützlingsschutz und Bienenschutz erstellt werden. Der Beurteilung bienengefährlich oder nicht bienengefährlich liegen entsprechende GLP-Prüfstudien von Labor-, Zelt- und Freilandversuchen nach der Guideline OEPP/EPPO No. 170 zu Grunde. Im Laborversuch wird die Fraß- und Kontakt-Giftwirkung der Pflanzenschutzmittel über eine Spannbreite von Dosierungen auf Bienenarbeiterinnen ermittelt. Durch den Vergleich dieser Daten mit der Anwendungskonzentration können Aussagen zur Bienengefährlichkeit gemacht werden. Ergeben die Laborversuche keine eindeutige Aussage, werden Zeltversuche und ggf. Freilandversuche mit Bienenvölkern durchgeführt. Bei diesen weitergehenden Versuchen wird nicht nur die Mortalität der erwachsenen Bienen ermittelt, sondern zusätzlich werden Verhalten, Brutentwicklung und allgemeine Entwicklung der Bienenvölker dokumentiert und bewertet.

Das LAVES Institut für Bienenkunde Celle führt seit Jahrzehnten Prüfungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bienengefährlichkeit durch. Neben den standardisierten Prüfungen werden auch zahlreiche Forschungsaufgaben zu dieser Thematik durchgeführt.

Die Forschung bezieht sich zum einen auf die Optimierung der Prüfungsverfahren zum anderen ergeben sich Aufgaben durch Neuentwicklung von Pflanzenschutzmitteln und deren Anwendung. So war das Bieneninstitut u.a. in den letzten Jahren an der Entwicklung von Bruttests beteiligt. Ein Brut-Tunneltest liegt inzwischen als OECD Guidance Dokument vor. Zurzeit wird mit mehreren Prüfeinrichtungen, so auch Celle, ein Invitro-Larventest (Aupinel et al. 2005) optimiert und standardisiert. Die Durchführung eines Bruttests ist sinnvoll, wenn die potentielle Gefahr besteht, dass ein Wirkstoff die Brutentwicklung stören könnte. Wird durch die Spritzung oder systemische Wirkung (z.B. bei Saatgutbeizen) Pollen und/oder Nektar mit diesem Wirkstoff kontaminiert, ist mit dieser kontaminierten Nahrung eine Schädigung der Bienenbrut denkbar.

In umfangreichen Untersuchungen zur Wirkung von Stressfaktoren konnte in Versuchen am Bieneninstitut Celle gezeigt werden, wie bedeutungsvoll die Ernährungslage und der physiologische Zustand der Bienen auf die Robustheit gegenüber Pflanzenschutzmittelwirkstoffen ist. Bei guter Pollen- und damit Proteinversorgung ist die Physiologie des Körpers gegenüber Giften besser gepuffert als bei Mangelernährung (siehe http://cdl.niedersachsen.de/blob/images/C41068417_L20.pdf).

Verhaltensversuche im Celler Institut haben gezeigt, das subletale Dosen eines Insektizidwirkstoffes die Biene nicht töten, aber das Heimfindevermögen negativ beeinflussen

Laborversuch
Laborversuch

Bienenvergiftungen

Obwohl die Bienenschutz-Verordnung und die damit geregelte Anwendung der Pflanzenschutzmittel einen relativ hohen Schutz der Bienen sichert, kann es zu Schäden an Bienen und Bienenvölkern kommen. Bei den häufigsten zu verzeichnenden Fehlern der vergangenen Jahre in Niedersachsen wurden bienengefährliche Insektizide auf Kartoffelfeldern ausgebracht. Obwohl die Kartoffelblüte für die Bienen nicht attraktiv ist bzw. die Anwendung außerhalb der Blütezeit stattfand, waren Bienen in die Felder geflogen, da Honigtau und/oder andere Pflanzen, die zwischen den Kartoffelreihen blühten attraktiv für die Bienen waren. In Baden-Württemberg kam es in diesem Frühjahr zu verheerenden Bienenvergiftungen durch Fehler bei der Aussaat von gebeiztem Maissaatgut.

Akute Schädigungen durch Vergiftung sind leicht zu erkennen: nur noch wenige Flugbienen, tote, krabbelnde und/oder kreiselnde Bienen vor den Fluglöchern sowie abgestorbene Bienen auf den Waben. Tragen die Bienen Pollenhöschen, so kann eine Vergiftung durch mit Spritzmitteln behandelte Blüten die Ursache sein. Die Farbe und Art der eingesammelten Pollen gibt Hinweise auf die Trachtquelle und Pflanzenart im Flugkreis. Haben die vergifteten Bienen keine Pollenhöschen, so sind Vergiftungen durch belastetes Wasser oder Honigtau denkbar. Ist die Quelle der Vergiftungen ausgemacht, so muss zur Klärung der Schadensursache Probenmaterial sichergestellt werden.

Bei Bienenschäden durch Pflanzenschutzmittel ist das Julius-Kühn-Institut (vormals Biologische Bundesanstalt) in Braunschweig per Pflanzenschutzgesetz für ganz Deutschland zuständig. Im Fall der Vermutung von Bienenschäden durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sollte der Imker sofort unter Zeugen (Vertreter des Pflanzenschutzdienstes, Polizei und/oder Gesundheitsobmann der Imkervereins) den Fall dokumentieren und Probenmaterial von toten Bienen (ca. 100 g) und behandelten Pflanzen (mind. 100 g von der Kultur und ggf. auch der Abdriftflächen) an die Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen des JKI in Braunschweig senden. Der Untersuchungsantrag, gleichzeitig Protokollbogen, kann von der Homepage des JKI heruntergeladen werden (http://www.jki.bund.de/cln_045/nn_804440/DE/Home/pflanzen__schuetzen/bienen/antragsformular__Untersuch__Bienen.html__nnn=true).

Freilandversuch
Freilandversuch

Optimierung des Bienenschutzes

Landwirte und Imker sind aufs Engste über die Honigbienen miteinander verknüpft. Die konsequente Einhaltung der Bienenschutz-Verordnung sollte Bienenverluste verhindern und damit Bienenhaltung und Bestäubung sichern. Nichts ist so gut, dass es nicht verbessert werden kann. Seitens des LAVES Institut für Bienenkunde Celle wird Handlungs- und Untersuchungsbedarf zur weiteren Verbesserungen des Bienenschutzes gesehen.

Die Bienenschutz-Verordnung sollte dahingehend überarbeitet werden, dass sie für den Nicht-Imker und Landwirt verständlicher ist.

Zur Optimierung des Schutzes der Honigbienen und anderer Bestäuberinsekten wäre es wünschenswert, wenn in blühenden Kulturen nicht bienengefährliche Pflanzenschutzmittel möglichst außerhalb des intensiven Bienenfluges angewendet würden. Dies wäre insbesondere beim Raps wünschenswert, da hier eingesetzte wasserlösliche Pflanzenschutzmittel (z.B. Fungizide mit den Wirkstoffen Carbendazim und Boscalid) zu Rückständen im Honig führen können. Bei einer Anwendung außerhalb des Bienenfluges könnte das Rückstandsrisiko minimiert werden.

Bei den massiven Bienenverluste durch die fehlerhafte Insektizid-Applikationen in der Kartoffel in Niedersachsen 2003 haben Imker z.T. erhebliche Verlust von Flugbienen beklagt, obgleich das klassische Symptom eines massiven Totenfalls vor den Fluglöchern nicht zu verzeichnen war. Zur richtigen Einschätzung dieser Beobachtung sowie insgesamt zum Verfahren des Nachweises von Bienenvergiftungen besteht noch Untersuchungsbedarf.

Saatgutbeizen werden nach den Bienenvergiftungen im Mai 2008 in Baden sicherlich intensiver untersucht werden.

Die bisherige Risikobewertung zur Bienengefährlichkeit wird auf Basis von Daten aus Labor-, Zelt- und Freilandstudien durchgeführt. Im Vordergrund steht die Mortalität von adulten Bienen sowie die Entwicklung der Versuchsvölker im Vergleich zu Kontrollenvölkern. Eine Ausweitung bei den Insektiziden auf einen Bruttest wäre sinnvoll. Ebenso sinnvoll erscheint bei bestimmten Insektiziden eine Bewertung auf Basis von Rückstandsmengen in Nektar resp. Pollen aus Freilandversuchen und den LD50-Werten aus dem Labor.

Das LAVES Institut für Bienenkunde Celle hat bereits zahlreiche Forschung im Bereich subletaler Effekte sowie Wirkung von mehreren Stressfaktoren durchgeführt. Hier wird seitens des LAVES Institut für Bienenkunde Celle allerdings noch weiterer Forschungsbedarf gesehen.

Pollen sammelnde Biene in einer Rosenblüte (Kartoffelrose)

Pollen sammelnde Biene in einer Rosenblüte (Kartoffelrose)

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