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Rohmilch – ein unterschätztes Risiko?

Rohe, unbehandelte Milch wird von Teilen der Bevölkerung gegenüber erhitzter Milch bevorzugt getrunken. Doch der Verzehr von Rohmilch ist nicht ganz ungefährlich.

Bei Rohmilch handelt es sich um Milch, die keinem Erhitzungsverfahren unterzogen wird. Milch stellt jedoch mit seinem hohen Anteil an Calcium und Proteinen nicht nur für den Menschen ein hochwertiges Nahrungsmittel dar, sondern ist auch für Bakterien ein exzellentes Nährmedium. Im 19. Jahrhundert wurde die Technik der Pasteurisierung (schonende Wärmebehandlung) von Milch eingeführt, um den Menschen vor der Tuberkulose zu schützen, die mit der Milch übertragen werden kann.

Eine der "Zehn Goldenen Regeln" der WHO (World Health Organisation) zur Vermeidung lebensmittelbedingter Infektionskrankheiten lautet "always buy pasteurized as opposed to raw milk". Also: Kaufe stets pasteurisierte Milch anstelle von Rohmilch. Der Nährwert von pasteurisierter oder hocherhitzter Milch ist vergleichbar mit dem der rohen Milch, da die heutigen Erhitzungsmöglichkeiten sehr schonend sind. Trotzdem wird der Verzehr von Rohmilch von Teilen der Bevölkerung bevorzugt, da es sich hierbei um ein naturbelassenes Lebensmittel handelt, dem ein besonderer vollmundiger und aromatischer Geschmack zugeschrieben wird.


Abgabe von Rohmilch und Vorzugsmilch


Rohmilch darf nur unter bestimmten Voraussetzungen an Verbraucher abgegeben werden. Zum einen gibt es die "ab Hof"-Abgabe (u. a. mittels Rohmilchautomaten), bei der vom Erzeuger auf ein Abkochen durch den Konsumenten vor dem Verzehr deutlich hingewiesen werden muss. Durch die Erhitzung werden Bakterien wie EHEC, Campylobacter, Salmonellen und Listerien abgetötet.
Zum anderen gibt es die Abgabe als "Vorzugsmilch", die für den rohen Verzehr gedacht ist.

Untersuchung von Vorzugsmilch

Vorzugsmilch unterliegt strengen mikrobiologischen Kontrollen. Derartige Untersuchungen werden u. a. im Lebensmittel- und Veterinärinstitut Braunschweig/Hannover (LVI BS/H) des LAVES durchgeführt. Im Jahr 2015 wurden vier Vorzugsmilchproben (16 Teilproben) eingesandt. Ein Großteil der Proben konnten die Schwellenwerte der in der Verordnung über Anforderungen an die Hygiene beim Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von bestimmten Lebensmitteln tierischen Ursprungs (Tier-LMHV) angegebenen Grenzwerte für Gesamtkeimzahl, koagulasepositive Staphylokokken und Enterobacteriaceae einhalten. Diese Parameter stellen sogenannte Hygieneindikatoren dar, die etwas über die Hygiene bei der Gewinnung und der Verarbeitung der Milch aussagen. Allerdings wurde bei zwei Proben der für Menschen pathogene Campylobacter nachgewiesen. Dabei handelt es sich um zwei Proben aus demselben Betrieb.

Untersuchung von Rohmilch vom Rind


Auch Rohmilch wird im Lebensmittel- und Veterinärinstitut Braunschweig/Hannover des LAVES regelmäßig mikrobiologisch untersucht, insbesondere auf die Parameter Gesamtkeimzahl, E. coli, koagulasepositive Staphylokokken und somatische Zellzahl (Parameter für die Eutergesundheit) sowie pathogene Erreger wie Listeria (L.) monocytogens, Campylobacter, Coxiella (C.) burnetii und Verotoxin-bildende E. coli (VTEC).). Im Jahr 2015 wurden 182 Proben aus den Rohmilchtanks landwirtschaftlicher Betriebe in das Institut gesandt. Davon stammten 56 Proben aus 34 Betrieben mit Rohmilchautomaten. Die mikrobiologische Qualität der 182 Proben stellte sich weitestgehend gut dar. Selten wurde eine erhöhte Gesamtkeimzahl (> 10 000 KbE/ml, 13 % der Proben) sowie erhöhte Keimzahlen (> 1000 KbE/ml) von E. coli (6 %) und koagulasepositive Staphylokokken (4 %) nachgewiesen. Auch Zoonoseerreger wurden erfreulicherweise wie schon im Jahr 2014 selten diagnostiziert. Coxiellen (3 % positive Proben), Campylobacter (2 %), L. monocytogenes (4 %), und ESBL (10 %) zeigten sich nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich als nachweisebar. Verotoxin (ein Gift, gebildet von wenigen E. coli-Vertretern) wurde im Jahr 2015 in 31 darauf untersuchten Proben nicht nachgewiesen. Herausragend zeigt sich allerdings die ansteigende Nachweisrate bei MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) von 9 % in 2014 auf 14 % in 2015.

Ergebnisse von Rohmilchproben aus Rohmilchautomaten

Bei den Betrieben mit den Rohmilchautomaten zogen die Veterinärämter i. d. R. eine Probe aus dem Rohmilchtank in der Milchkammer und eine bzw. zwei Proben aus dem Automaten. Letztere waren bezüglich der Hygieneparameter häufiger auffällig als die Proben aus dem Tank (z. B. bis zu 11 % koagulasepositive Staphylokokken > 100 KbE/ml zu bis zu 5 % aus den Tankproben). Bis auf vier MRSA-positive (12 %), zwei Coxiellen-positive sowie zwei ESBLpositive Milchproben wurden in diesen Proben 2015 keine pathogenen Keime bzw. Toxine nachgewiesen.

Rohmilch Ziege und Schaf
Zudem wurden im Jahr 2015 12 Proben rohe Ziegen- und 11 rohe Schafsmilchproben untersucht. Das Kriterium Gesamtkeimzahl aus dem europäischen Lebensmittelrecht für rohe Milch anderer Tierarten außer Rind wurde von allen Proben eingehalten. Bei den Zoonoseerregern kam es zum Nachweis von C. burnetii in einer rohen Ziegenmilch und von Verotoxin in zwei rohen Schafsmilchproben, davon konnte aus einer Probe EHEC Verotoxin-bildende E. coli („VTEC" = entspricht meistens den landläufig bekannteren „EHEC") isoliert werden.

Abkochen schützt!

Immer wieder ist in der Presse von teils schweren Erkrankungsfällen bei Kindern zu lesen, die währends eines Besuches auf einem Bauernhof Rohmilch (nicht Vorzugsmilch) getrunken hatten, die vor dem Verzehr nicht abgekocht wurde. Dies unterstreicht, dass Rohmilch ein potentielles gesundheitliches Risiko darstellt, da bestimmte Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen übergehen können (Zoonose-Erreger) im Tierstall und beim noch so sauberen und sorgfältigen Melken nicht immer vollständig bekämpft werden können.

Verbraucher sollten diese Milch also unbedingt vor Verzehr abkochen, da sie nicht, wie Vorzugsmilch, besonderen mikrobiologischen Kontrollen unterliegt. Insbesondere sogenannte YOPIs (junge, alte und schwangere Personen oder solche mit eingeschränktem Immunsystem) sind hier gefährdet.

Kinder, Schwangere, ältere und kranke Menschen sollten zur Gewährleistung der größtmöglichen Sicherheit die Goldene Regel der WHO einhalten und auf Rohmilch und Rohmilchprodukte verzichten.

Für Landwirte gibt es die Möglichkeit, sich den Kauf von wärmebehandelter Milch für Besuche von (Kinder-)gruppen auf ihrem Bauernhof bezuschussen zu lassen (Ansprechpartner in Nds.: Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V.). So kann den Kindern ein sicheres Lebensmittel angeboten werden und trotzdem das Bewusstsein "woher die Milch kommt" gestärkt werden.


Weitere Informationen:

LAVES: Milch ab Hof und Vorzugsmilch - Eine Gegenüberstellung

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