"Hilfe….aus meinem Küchenschrank kommen so kleine Schmetterlinge geflogen und eine Haferflockentüte ist voll mit ekligen Würmern"….solche oder ähnliche Kommentare mit der Bitte um Hilfe werden zuweilen an die Mitglieder des FB Schädlingsbekämpfung herangetragen. Im Rahmen unserer Beratungstätigkeit werden die besorgten Bürger gebeten, uns weitere Informationen zu den Fundumständen zukommen zu lassen, bzw. Tiere zu fangen und diese dann zwecks Bestimmung an unsere Dienststelle zu senden. In den meisten Fällen ist aber für die Mitarbeiter des FB Schädlingsbekämpfung bereits nach kurzer Rückfrage klar, dass es sich um Vertreter der sog. Lebensmittelmotten handelt, welche in den Küchen, Vorratskammern und –schränken ihr Unwesen treiben.
"Lebensmittelmotte" was ist das?
Bei den "Lebensmittelmotten" handelt es sich hauptsächlich um Kleinschmetterlinge aus der Familie der Zünsler, Pyralidae. Hier sind es die Dörrobstmotte, Plodia interpunctella, die Speichermotte, Ephestia elutella sowie die Mehlmotte, Ephestia kuehniella, welche aufgrund ihrer Lebensweise und Nahrungspräferenzen der Raupen für den Befall unterschiedlicher Lebens- und Futtermittel im Privathaushalt verantwortlich zu machen sind. Die Raupen dieser Arten haben ein außergewöhnlich umfangfreiches Nahrungsspektrum, welches von Trockenobst, Nüssen und Schokolade über Getreideprodukte, Getreidemehle und Bruchgetreide bis hin zu Tee, Tabak und getrockneten Gewürzpflanzen reicht. (siehe Tabelle). Ferner können vereinzelt noch weitere Arten im Privathaushalt vorkommen, so z.B. weitere Arten aus der Verwandtschaft der Mehl- und Speichermotte (Gattung Ephestia und Pyralis) sowie Vertreter aus der Familie der Faulholzmotten (Samenmotte), der Echten Motten (Kornmotte), der Palpenmotten (Kleistermotte) und der Spanner (Heuspanner).
Die nebenstehende Bildtafel zeigt einige Vertreter der "Lebensmittelmotten", sowohl Raupen als auch Falter
1. Raupe der Dörrobstmotte, Plodia interpunctella
2. Falter der Dörrobstmotte, Plodia interpunctella
3. Raupe der Speichermotte, Ephestia elutella
4. Falter der Tropischen Speichermotte (Dattelmotte), Ephestia cautella
5. Raupen der Samenmotte, Hofmannophila pseudospretella
6. Raupe der Mehlmotte, Ephestia kuehniella
Tabelle: Biologie von Dörrobstmotte, Mehl- und Speichermotte
warm-gemäßigte oder subtropische Klimagebiete, durch den Handel weltweit verschleppt
Mittel- und Südeuropa (Mittelmeerländer), Indien, durch den Handel weltweit verschleppt
Mitteleuropa, durch den Handel weltweit verschleppt
Entwicklung
holometabol, Eiablage unmittelbar nach Kopulation (200-400 Eier), Entwicklungsdauer 30-330 Tage mit 5-7 Larvenstadien, Lebensdauer der Falter 2 bis 3 Wochen
holometabol, Eiablage unmittelbar nach Kopulation (200-400 Eier), Entwicklungsdauer 74-375 Tage mit 3-5 Larvenstadien, Lebensdauer der Falter 1 Woche
holometabol, Eiablage unmittelbar nach Kopulation (50-150 Eier), Entwicklungsdauer 42-380 Tage mit 5-6 Larvenstadien, Lebensdauer der Falter 2 bis 4 Wochen
Nahrungspräferenzen
Getreide, Getreideprodukten und Sämereien aller Art über Trockenfrüchte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Schokolade, Kakao, Kaffee, Tee, Gewürze usw., in Ausnahmefällen auch frische Äpfel und Pfirsiche
Getreidemehle, Bruchgetreide und Getreideprodukte, seltener an Sämereien, Nüssen und Trockenobst. Die Nahrung muss für eine optimale Entwicklung einen hohen Cholesterinanteil enthalten.
(Eine Tabelle mit Unterscheidungsmerkmalen der drei wichtigsten Arten lässt sich hier oder in der Infospalte herunter laden!)
Befallserkennung
Charakteristisch für einen Befall mit Lebensmittelmotten ist das mit einem zähen Gespinst durchwobene Nahrungssubstrat, welches von der starken Spinntätigkeit der Raupen aller Lebensmitelmottenarten herrührt. Das Substrat ist außerdem durch Raupenkot verunreinigt. Die Raupen selbst, welche zwischen 10 und 20 mm lang werden können, sind in den befallenen Lebensmitteln oft nur schwer zu erkennen, da sie im Gespinst fressen oder sich sogar in festere Substanzen (Schokolade oder Nüsse) einbohren. Sind die Raupen verpuppungsreif, verlassen sie das Fraßsubstrat und legen auf der Suche nach einem geeigneten Verpuppungsplatz (dunkel und trocken) ex¬trem weite Wege zurück. Sie spinnen sich dann in Ritzen und Ecken der Lager- und Vorratsschränke oder zwischen Schränken und Zimmerwänden ein. Auch dort, wo Zimmerwände und -decken zusammenstoßen, kann man die Puppenkokons finden. Die Falter, welche je nach Art zwischen 11 und 25 mm groß werden (Flügelspannweite!) sind überwiegend tagaktiv und fliegen bei Dunkelheit zum Licht (positiv photototaktisch). Während die Falter der Mehl- und Speichermotte (Gattung Ephestia) unscheinbar grau bis braun gefärbt sind, ist die Dörrobstmotte zweifarbig cremefarben/kupferrot und daher von den anderen Lebensmittelmotten leicht zu unterscheiden.
Speichermottean Backwaren
Dörrobstmottenraupen in Pralinenschachtel
Bekämpfung und Befall vorbeugende Maßnahmen
Die Entwicklungsstadien in den befallenen Vorräten müssen vor der gründlichen Entsorgung abgetötet werden. In privaten Haushalten kann dies durch Erwärmung auf 60° - 80°C für 90 bis 120 Minuten im Backofen oder durch Einfrieren bei -12°C und -15°C für 3 Tage beziehungsweise für 8 Tage bei -7 und -9°C geschehen. Vorhandene Lebens- und Futtermittel sollten in fest verschlossenen Glas-, Keramik und Metallbehältnissen gelagert werden. Plastikverpackungen können von den Raupen durchbohrt werden, so dass der Packungsinhalt umgelagert werden sollte.. Da auch die Gefahr der Einschleppung bereits befallener Lebens- und Futtermittel aus dem Handel besteht, sollten relevante Produkte vor der Einlagerung zu Hause noch einmal in Augenschein genommen werden und auf verdächtige Spuren überprüft werden.
Vogelnester am Haus oder auf dem Dachboden in denen Sämereien und Früchte eingetragen worden sind, können als Entwicklungsquelle, insbesondere für die Dörrobstmotte, dienen und sollten bei der Suche nach der Befallsursache mit einbezogen werden. Fliegengitter vor Fenster und Türen können den Zuflug von Faltern aus solchen Nestern verhindern. Ferner ist eine Entwicklung der Motten an pflanzlichen Dämmststoffen, z.B. Ceralit, sofern diese überlagert und nicht behandelt sind, möglich.
Die Im Handel erhältlichen Lebensmittelmottenfallen auf Pheronombasis (Sexuallockstoffe) sind nur für eine Befallsermittlung (Monitoring) einzusetzen. Mit diesem sog. Pheronom-Irritationsverfahren ist eine gezielte Bekämpfung nicht möglich.
Pheronomfalle für Lebensmittelmotten
Schlupfwespe (Erzwespe) zur biologischen Bekämpfung
Neben der erwähnten Entsorgung und Behandlung der befallenen Vorräte können im Privathaushalt parasitoide Schlupfwespen (Erzwespen) zur biologischen Bekämpfung eingesetzt werden. Diese Eiparasiten müssen über die gesamte Generationszeit der zu bekämpfenden Motten eingesetzt werden. Der Anwendungszeitraum von ca. 8 Wochen (4 Ausbringungen von Schlupfwespen im zweiwöchigen Abstand) sind notwendig, da in dieser Zeit die Mottenentwicklung vom Ei bis zum Falter stattfinden kann. Die Schlupfwespen fliegen nicht, um ihre Wirte aufzusuchen, sondern laufen umher. Für Menschen und Haustiere sind die Winzlinge vollkommen harmlos. Die Lebenszeit dieser Insekten beträgt bei Zimmertemperatur 7-10 Tage. Es ist natürlich klar, dass der Einsatz von Schlupfwespen nicht parallel zu einer chemischen Bekämpfung stattfinden kann!
Chemische Bekämpfungsmaßnahmen sollten im privaten Haushalten erst dann zum Einsatz kommen, wenn die o.g. Maßnahmen keinen Erfolg gebracht haben. Gegen die adulten Motten werden Kurzzeitmittel im Aerosolverfahren angewandt, bei starkem Befall auch Vernebelung im ULV-Verfahren. Die Raupen werden im Spritz-/Sprühverfahren mit Kurz- und/oder Langzeitmitteln im Rahmen einer Spot- und Flächenbehandlung bekämpft. Diese Bekämpfungsmaßnahmen erfordern ein hohes Maß an Sachkunde und sind daher ausschließlich von geprüften Schädlingsbekämpfern durchzuführen!
Der Fachbereich Schädlingsbekämpfung der Task-Force Veterinärwesen und der Tierschutzdienst des LAVES präsentieren sich auf dem diesjährigen Tag der Niedersachsen vom 19. - 21. Juni 2009 in Hameln. Nähere Informationen finden Sie hier.